Öde oder erdend – Hat Ihr Tag einen Rhythmus?
In den 1950er Jahren ermittelte der Biologe und Verhaltensphysiologe Jürgen Aschoff einen für den menschlichen Organismus relativ stabilen sogenannten „circadianen Rhythmus“ von genau 24,86 Stunden, der unabhängig von Tageslicht und Dunkelheit funktioniert. Bei Probanden, denen neben diesem circadianen Rhythmus die Möglichkeit der Orientierung am 24-stündigen Tag-Nacht-Rhythmus genommen wurde, traten vegetative Störungen auf. Offenbar benötigen wir für unsere geistige und körperliche Unversehrtheit einen lichtabhängigen Tagesrhythmus.
Das lichtsensitive Protein Melanopsin beeinflusst zwar nicht unsere Sehqualität, reagiert dafür aber besonders sensitiv auf die blauen Frequenzen des Tageslichts, die verstärkt morgens auftreten, und startet damit die Aktivierung des Körpers in den Wachzustand hinein. Zur Dämmerung hin setzt sich das Licht überwiegend aus roten und weißen Frequenzen zusammen. Diese wiederum regen die körpereigene Produktion des Schlaf- und Ruhehormons Melatonin an.
Die Bildschirme von Smartphones, Tablets, PCs und Fernsehern senden reichlich blaues Licht aus und suggerieren dem Gehirn so, dass der Morgen anbricht. Infolgedessen klagen Menschen, die bis spätabends am Computer arbeiten, sich mit dem Smartphone beschäftigen oder bis in die Nacht fernsehen, häufig über gesundheitliche Einschränkungen wie Schlafstörungen, Verdauungsprobleme und eine getrübte Stimmung.
Die Probleme verschwinden häufig, wenn der digitale Zeitvertreib besonders am Abend deutlich eingeschränkt wird. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Überdosis an Blaulicht von Bildschirmen zu reduzieren. So existieren verschiedene, meist kostenfreie Computerprogramme oder bereits installierte Bildschirmeinstellungen für die verschiedenen Endgeräte, die die ausgesendete Lichtfrequenz der realen Tageszeit anpassen.
Die symptombekämpfenden Maßnahmen können auftretende gesundheitliche Probleme lindern, ersetzen jedoch nicht die „echten“ reizarmen Ruhezeiten. Nur so kann unser Organismus seinen natürlichen Rhythmus von Tagesaktivität auf Nachtruhe und Erholung umschalten.
Die Einleitung und Einhaltung von Ruhephasen ist übrigens bereits für die Kleinsten von großer Bedeutung. Denn wie kürzlich vorgelegte Forschungserkenntnisse bestätigen, leiden Babys, die gestillt werden, während die Mutter das Smartphone verwendet, häufiger an Verdauungs- und Schlafstörungen. Neben der abgelenkten emotionalen Aufmerksamkeit scheinen die Spiegelung der mütterlichen Aktivität auf das Kind und die Lichtaufnahme über die Haut des Säuglings hier eine wesentliche Rolle zu spielen.
Was können Sie für sich aus diesem Beitrag mitnehmen? Man muss nicht immer informiert und erreichbar sein. Und: Manchmal ist ein bisschen Spießigkeit und Ritualverliebtheit gar nicht so schlecht.

